Grundeinkommen

... bedingungslos kreativ für Marburg

Geld kassieren, auf Kosten der Anderen faul rumhängen, Alkohol und Drogen konsumieren ...

 

Kann das wirklich gerecht sein, wenn die Einen jeden Tag fleißig arbeiten und andere sich auf Staatskosten Dauerurlaub gönnen? Diese Bedenken hatte ich zunächst auch, als ich anfing, mich mit dem bedingungslosen Grundeinkommen zu beschäftigen. Verleitet das Grundeinkommen nicht viele Bezieher geradezu, gar nicht mehr aus dem Bett zu kommen und sich immer tiefer in Abhängigkeiten und Konsum zu verstricken?

 

Interessant ist, dass Umfragen zeigen, dass solche Bedenken sehr weit verbreitet sind. Die Mehrheit aller Deutschen, ist der Ansicht, dass bei Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens die meisten Menschen aufhören würden zu arbeiten. Befragt man aber die Menschen selbst danach, ob sie mit einem Grundeinkommen noch weiter arbeiten würden, antworten 82% mit Ja. Nahezu die Hälfte der Befragten würde genau so weiter arbeiten wie bisher (optimistischere Studien sprechen sogar von 72 %). 33 % würden dabei aber die Arbeitsbedingungen verändern wollen. Je nach Arbeitsfeld beinhaltet das z.B. den Wunsch, eine geringere Wochenarbeitszeit (Pflegekräfte, Landwirtschaft, Tourismus, ...) zu haben, aber auch ganz andere qualitative Aspekte.

Könnte es sogar sinnvoll sein, eine Art Recht auf Müßiggang zu entwickeln, wie wir ja bereits ein Recht auf freie Berufs- und Arbeitsplatzwahl in unserem Grundgesetz verankert haben? Ich tendiere inzwischen zu der Erkenntnis, dass die Allgemeinheit durchaus von der Freiheit einzelner Menschen, sich Auszeiten und Kreativpausen zu ermöglichen, in hohem Maße profitieren könnte. Auch wenn der jüngste Modellversuch in Finnland gezeigt hat, dass die arbeitslosen Teilnehmer durch ein BGE nicht messbar zurück ins Erwerbsleben fanden, so wäre in einer den Gesellschaftsquerschnitt erfassenden Studie doch zu erwarten, dass Zeiten des Müßiggangs durchaus neue kreative Ideen und Projekte anstoßen dürften. Das könnten neue Unternehmen oder Produkte sein, aber auch alltägliche Tätigkeiten, die langfristig den Staatshaushalt entlasten.

 

Ist es nicht gerade die Corona-Pandemie, die uns lehrt, dass Kunst und Kultur nicht unbedingt in riesigen Konzerthallen stattfinden muss, sondern dass auch die Hinterhofkultur oder Hausmusik die geistige Nahrung unserer Gesellschaft bilden kann? Sind es nicht die Müßiggänger, die in Sportvereinen, Orchestern und Laienchören den Kindern wesentliche Grundlagen des Sozialverhaltens vermitteln und dem Staat Kosten für neue Justitzvollzugsanstalten ersparen? Was wäre Marburg ohne die vielen Bürger, die sich zuhause um ihre Kinder oder pflegebedürftigen Eltern kümmern und wie viele Wohnheimplätze oder Erzieherstellen kann sie dadurch einsparen?

 

War es nicht Diogenes, der in seiner Tonne scheinbar nutzlos Zeit vergeudete, der jedoch Generationen von Philosophen bis heute mit seinen Thesen und Erkenntnissen beeinflusst hat und damit einen gesiteswissenschaftlich Gegenwert erschaffen hat? Kann es nicht der Faulpelz in seiner Hängematte sein, der in ständiger Erreichbarkeit zum sozialen Mittelpunkt des Wohnblocks avanciert, bei dem Kinder kurzfristig zur Hausaufgabenbetreuung abgegeben werden oder Lebensmitteleinkäufe für die bettlägrige Nachbarin koordiniert werden. Spart die Gemeinschaft nicht Kosten für Straßenbau, Kraftwerke oder Tankstellennetze, wenn er auf SUV und E-Auto verzichten kann? Er mag vielleicht auf den ersten Blick wie ein Sozialschmarotzer wirken, jedoch hat auch er der Gemeinschaft etwas zu geben. Oder denken wir an Bürgerinitiativen, die hier in Marburg z.B. einen neuen Waldkindergarten entstehen lassen haben, der sich nicht erst in der Corona-Pandemie als wertvolles Mosaiksteinchen im Kinderbetreuungsmix bewährt hat und mittlerweile Vorbild für manche neu entstehende Einrichtung in und um Marburg ist. Ohne kreative, unkonventionelle Köpfe, die ihre Ideen nur in Zeiten der schöpferischen Freiheit entwickeln können, wird sich unsere Gesellschafts- und Infrastruktur kaum an die Herausforderungen und die immer schneller werdenden Veränderungen der kommenden Jahre anpassen können.

 

Es ist also die Vorstellung von volkswirtschaftlich profitabler Arbeit, die bisher offenbar zu eng gefasst wurde. Arbeit kann weitaus mehr als Erwerbstätigkeit bedeuten. Tätigkeiten im Haushalt oder in der Betreuung und Pflege wurden bisher viel zu wenig honoriert. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde ihnen wenigstens eine solide finanzielle Basis gewährleisten. Eine Vielzahl ehrenamtlicher Tätigkeiten bilden ebenfalls ein wichtiges Rückgrat unserer Gesellschaft. Auch das ist Arbeit. In manchen Bereichen kann das pure Knochenarbeit sein. Im Jugend- und Sozialbereich gibt es besipielsweise viele ehrenamtliche Aufgaben, neben denen die höchstbezahlten Tätigkeiten von Spitzenmanagern wie der reinste Müßiggang wirken. Arbeit ist also das, was jeder einzelne Mensch in seinem persönlichen Rahmen und mit seinen persönlichen Fähigkeiten tut, egal ob er "nur" Ressourcen durch "Nichstun" schont oder eine Fußballweltmeisterschaft organisiert.

 

Eines darf man allerdings auch nicht vergessen. Ganz einerlei, ob mit oder ohne BGE: Es wird auch immer einen Teil der Gesellschaft geben, der sich auf Kosten Anderer bereichert, in Abhängigkeiten und anderen chronischen Mustern feststeckt oder aus Teufelskreisen und sozialen Sackgassen nicht mehr heraus findet. Die Sorge, dass die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens solche Probleme verstärken könnte, scheint aber nach bisherigen Erkenntnissen unbegründet. 

Es bleiben viele Fragezeichen und Spekulationen. Ob ein bedingungsloses Grundeinkommen tatsächlich zu solchen Effekten führen wird, dass wird man auch in einem dreijährigen Modellversuch nicht nachweisen können. Er wird uns aber möglicherweise Tendenzen aufzeigen, Illusionen nehmen und sinnvolle Modelle entwickeln helfen. Am Ende wird uns aber der Sprung ins kalte Wasser nicht erspart bleiben, diesen neuen Weg einmal in der Realpraxis auszuprobieren und dadurch auch längerfristigen Effekten eine Chance zu geben, sich zu zeigen.